Wer im Supermarkt vor dem Tiernahrungsregal steht, sieht vor allem eines: Versprechen. „Für starke Muskeln“, „100 % natürlich“, „wie in freier Wildbahn“. Was diese Aussagen konkret bedeuten, steht auf keiner Verpackung. Und während der Markt für Heimtiernahrung in Deutschland 2025 erstmals die Marke von 6,5 Milliarden Euro überschritten hat, wächst die Verunsicherung bei Besitzern eher als das Wissen über artgerechte Ernährung.
Was „artgerecht“ überhaupt bedeutet
Artgerechte Ernährung orientiert sich an dem, was ein Tier in seiner natürlichen Umgebung fressen würde, angepasst an den domestizierten Alltag. Für Katzen heißt das konkret: Sie sind obligate Karnivoren. Ihr Stoffwechsel kann bestimmte Aminosäuren wie Taurin und Arginin nicht selbst synthetisieren. Fehlen diese in der Nahrung, entstehen ernsthafte Herzprobleme und Sehschäden, oft erst nach Monaten ohne erkennbare Symptome.
Hunde sind dagegen Allesfresser mit einem klaren Fleischanteil-Schwerpunkt. Sie können Stärke besser verwerten als Wölfe, da sie im Laufe der Domestizierung mehr Kopien des Amylase-Gens entwickelt haben. Das bedeutet aber nicht, dass ein Hundefutter mit 60 Prozent Getreideanteil deshalb sinnvoll ist. Es bedeutet nur, dass Hunde nicht daran sterben.
Deklaration lesen: Das steckt wirklich in der Dose
Die Zutatenliste auf Tierfutter folgt wie bei Lebensmitteln dem Prinzip der Mengenreihung. Was zuerst steht, ist am meisten enthalten. Klingt einfach, ist es aber nicht. Hersteller nutzen legal die sogenannte Splitting-Methode: Weizen wird aufgeteilt in „Weizenstärke“, „Weizenmehl“ und „Weizenkleie“, jede Fraktion taucht separat und weiter hinten in der Liste auf. Dadurch rutscht Fleisch scheinbar nach vorne, obwohl Weizen insgesamt überwiegt.
Konkret prüfen sollte man:
- Fleischanteil und Spezifikation: „Fleisch und tierische Nebenerzeugnisse“ ist eine Sammelbezeichnung ohne Mindestanteil. Besser: „Huhn (40 %)“ oder „Lachs (35 %)“.
- Feuchtegehalt: Trockenfutter enthält etwa 8 bis 10 Prozent Wasser, Nassfutter 75 bis 80 Prozent. Nährwertvergleiche funktionieren nur auf Trockenmassenebene.
- Zusatzstoffe: BHA, BHT und Ethoxyquin sind in der EU zugelassen, stehen aber im Verdacht, langfristig leberschädigend zu wirken. Viele Premium-Hersteller verzichten freiwillig darauf.
- Rohaschegehalt: Werte über 8 Prozent bei Katzentrockenfutter deuten auf hohe Knochenanteile hin, was die Nieren langfristig belasten kann.
Rohfütterung, Nassfutter, Trockenfutter: Was die Daten sagen
Die BARF-Methode (Biologisch Artgerechtes Rohes Futter) hat in Deutschland zuletzt stark zugelegt. Schätzungen des Industrieverbands Heimtierbedarf zufolge ernähren rund 18 Prozent aller Hundebesitzer ihren Hund zumindest teilweise mit Rohfutter. Der Ansatz hat Vorteile: wenig verarbeitete Inhaltsstoffe, hohe Fleischdichte, kontrollierbare Herkunft. Er hat aber auch Risiken. Eine Studie der Universität Utrecht aus 2024 untersuchte 35 kommerzielle Rohfutterprodukte und fand in 28 davon Keime wie Salmonellen oder Listerien in bedenklichen Konzentrationen. Das Infektionsrisiko für gesunde Hunde ist gering, für Welpen, alte Tiere oder immungeschwächte Besitzer jedoch relevant.
Nassfutter gilt als guter Kompromiss: höherer Wassergehalt (gut für die Nieren, vor allem bei Katzen), oft mehr Fleischanteil als Trockenfutter, keine extremen Verarbeitungstemperaturen wie beim Extrusionsverfahren für Kibble. Trockenfutter ist nicht per se schlecht, aber die Qualitätsunterschiede innerhalb der Kategorie sind enorm. Ein Produkt für 1,20 Euro pro Kilo und eines für 8 Euro pro Kilo sind kaum vergleichbar, auch wenn beide „vollständige Nahrung“ versprechen.
Wer gezielt nach Produkten sucht, die transparent deklariert sind und auf bedenkliche Zusatzstoffe verzichten, findet bei Spezialanbietern oft eine bessere Auswahl als im Supermarkt. Plattformen wie ihr-futtershop.de listen Produkte nach Inhaltsstoffen filterbar auf, was den Vergleich erheblich erleichtert.
Neue Trends: Insektenprotein und pflanzliche Alternativen
Insektenbasiertes Futter ist seit der EU-Zulassung von Hermetia illucens (Schwarze Soldatenfliege) für Heimtiernahrung im Jahr 2021 auf dem Vormarsch. Der ökologische Fußabdruck ist deutlich geringer als bei konventionellem Fleisch: Für ein Kilogramm Insektenprotein werden etwa 2 Liter Wasser benötigt, für ein Kilogramm Rindfleisch rund 15.000 Liter. Für Hunde mit Fleischunverträglichkeiten kann Insektenprotein eine valide Alternative sein. Bei Katzen fehlen noch ausreichende Langzeitstudien.
Veganes Katzenfutter ist dagegen ein Bereich, der viel Aufmerksamkeit bekommt, aber ernährungsphysiologisch heikel bleibt. Katzen brauchen präformiertes Vitamin A (aus tierischen Quellen), Taurin und Arachidonsäure. Diese lassen sich zwar synthetisch beimischen, ob supplementierte vegane Diäten langfristig alle Bedarfe decken, ist noch nicht abschließend belegt. Für Hunde ist eine gut geplante vegane Ernährung hingegen laut aktuellen tierärztlichen Leitlinien der British Veterinary Association möglich, wenn auch aufwendig.
Wie viel ist zu viel? Übergewicht als unterschätztes Problem
Laut einer Erhebung der Gesellschaft für Ernährungsphysiologie der Haustiere sind in Deutschland rund 40 Prozent aller Katzen und 34 Prozent aller Hunde übergewichtig. Die häufigste Ursache: zu große Portionen, zu viele Leckerlis, zu wenig Bewegung. Besonders perfide ist, dass Übergewicht sich schleichend entwickelt und von Besitzern oft nicht wahrgenommen wird, weil es keinen direkten Vergleichsmaßstab gibt.
Eine einfache Kontrollmethode ist der Rippentasttest. Wenn die Rippen unter einer dünnen Fettschicht deutlich tastbar sind, hat das Tier ein normales Gewicht. Sind sie kaum noch fühlbar, ist Übergewicht wahrscheinlich. Beim Hund sollte auch die Taille von oben betrachtet sichtbar einschnüren. Diese Beurteilung ersetzt keine tierärztliche Einschätzung, gibt aber einen schnellen Anhaltspunkt.
Praktische Orientierung für den Alltag
Keine Ernährungsform ist per se richtig oder falsch. Entscheidend ist, ob das konkrete Produkt den tatsächlichen Nährstoffbedarf des Tieres deckt, transparent deklariert ist und zum individuellen Tier passt. Ein aktiver junger Labrador hat andere Anforderungen als eine 14-jährige Siam-Katze mit chronischer Niereninsuffizienz.
Wer wechselt, sollte das langsam tun: über 7 bis 10 Tage das neue Futter schrittweise einmischen, Verdauungsveränderungen beobachten und im Zweifel eine Tierärztin oder einen Tierarzt mit ernährungsphysiologischer Zusatzausbildung konsultieren. Deren Expertise kostet, spart aber langfristig Tierarztkosten durch ernährungsbedingte Folgeerkrankungen.
Die Hersteller werden die Deklarationsregeln nicht freiwillig verbessern. Das Wissen darum, wie man eine Zutatenliste liest, ist deshalb keine Kür, sondern Grundlage für jede Fütterungsentscheidung.

