Der Zivilschutzplan des Bundesinnenministeriums, zuletzt aktualisiert im Frühjahr 2025, empfiehlt Haushalten, mindestens zehn Tage autark überbrücken zu können. Für Familien mit Kindern, pflegebedürftigen Angehörigen oder Haustieren bedeutet das konkrete Planung, nicht bloß einen Karton Mineralwasser im Keller. Was tatsächlich gebraucht wird, lässt sich in wenigen Kategorien ordnen, die jeder umsetzen kann.
Warum 72 Stunden nicht mehr ausreichen
Lange galt die Faustregel: drei Tage Vorrat reichen, dann greift die staatliche Hilfe. Diese Annahme hat sich als zu optimistisch erwiesen. Der großflächige Stromausfall in Teilen Nordrhein-Westfalens im Januar 2023 legte mehr als 200.000 Haushalte für bis zu 48 Stunden lahm. In ländlichen Gebieten dauerte die Wiederherstellung der Wasserversorgung im Schnitt 36 Stunden länger als in Städten. Wer Säuglingsnahrung, Insulin oder Beatmungsgeräte braucht, merkte schnell, dass 72 Stunden zu knapp kalkuliert sind.
Behörden in Österreich und der Schweiz arbeiten bereits mit der Zehn-Tage-Empfehlung. Deutschland zieht nach. Für Familien bedeutet das: Der Vorrat muss für alle Personen im Haushalt berechnet werden, und zwar realistisch nach Kalorienverbrauch, Medikamentenbedarf und den Gewohnheiten der Kinder.
Wasser, Nahrung, Wärme: die Basisrechnung
Wasser ist der kritischste Engpass. Pro Person werden zwei Liter Trinkwasser täglich veranschlagt, bei Hitze oder körperlicher Belastung mehr. Für eine vierköpfige Familie über zehn Tage sind das mindestens 80 Liter, besser 120. Handelsübliche 1,5-Liter-Flaschen lassen sich gestapelt lagern, PET-Kanister mit 10 oder 20 Litern sparen Platz und sind kostengünstiger.
Bei der Nahrung zählen Haltbarkeit, Kaloriendichte und die Frage, ob etwas ohne Strom zubereitet werden kann. Haferflocken, Vollkornkekse, Nüsse, Trockenfrüchte, Hülsenfrüchte in der Dose und Vollmilchpulver decken den Grundbedarf ohne Kühlung. Wer Kinder im Haushalt hat, sollte deren Vorlieben einbeziehen. Ein Kind, das in einer Ausnahmesituation vertrautes Essen bekommt, ist ruhiger und kooperativer. Wer den Vorratsaufbau schrittweise angehen möchte, findet bei Ratgebern zur Notnahrung selber machen praxisnahe Einstiegspunkte, von der richtigen Lagerung bis zur Kalorienplanung.
Wärme wird unterschätzt. Ein Gaskocher mit zwei Ersatzkartuschen à 450 Gramm reicht für etwa 15 bis 20 Mahlzeiten. Wolldecken, Schlafsäcke und das Abdichten eines einzelnen Raums mit Decken und Klebeband können die gefühlte Temperatur um mehrere Grad anheben, wenn die Heizung ausfällt.
Dokumente und Bargeld: der unterschätzte Teil
Ausweise, Krankenkassenkarten, Versicherungspolizzen und Medikamentenpläne sollten in einer beschrifteten, wasserdichten Hülle griffbereit sein. Wer im Notfall evakuiert wird, hat selten Zeit zu suchen. Eine einfache Checkliste mit Inhalten der Hülle, aufgehängt an einem festen Ort, schafft Routine.
Bargeld ist in Krisenlagen oft das einzige Zahlungsmittel. Kartenterminals und Geldautomaten fallen bei Stromausfall aus. Experten empfehlen 200 bis 400 Euro in kleinen Scheinen pro Haushalt, also Zwanziger und Zehner, keine Hunderter. Wechselgeld ist in solchen Situationen knapp.
Eine einfache Dokumentenmappe enthält
- Personalausweis oder Reisepass aller Familienmitglieder (Kopien genügen, Originale separat sichern)
- Krankenkassenkarten und Impfpässe
- Liste laufender Medikamente mit Dosierung und Arztname
- Notfallkontakte auf Papier, nicht nur im Smartphone
- Geburtsurkunden und Heiratsurkunde als Kopie
- Versicherungsscheine für Haftpflicht, Hausrat und Krankenversicherung
Kommunikation und Information ohne Internet
Smartphones sind in einem längeren Stromausfall innerhalb von 12 bis 24 Stunden entladen, sofern kein Powerbank vorhanden ist. Eine Powerbank mit mindestens 20.000 mAh lädt ein durchschnittliches Smartphone vier- bis fünfmal. Wichtiger noch: ein batteriebetriebenes oder handkurbelgetriebenes UKW-Radio. Der Katastrophenschutz sendet Informationen über Rundfunk, nicht über soziale Netzwerke.
Der Warndienst NINA des Bundesamts für Bevölkerungsschutz sendet Push-Nachrichten auf das Handy, solange Mobilfunknetze funktionieren. Die App sollte auf allen Elterngeräten installiert sein. Zusätzlich empfiehlt sich ein vereinbarter Treffpunkt für die Familie, für den Fall, dass man bei einem Ereignis getrennt ist und telefonisch nicht erreichbar ist. Dieser Ort sollte allen Familienmitgliedern bekannt sein, auch Kindern ab sechs Jahren.
Den Vorrat strukturieren: eine Übersicht
| Kategorie | Empfehlung für 4 Personen / 10 Tage | Lagerort |
|---|---|---|
| Trinkwasser | 100 bis 120 Liter | Keller, Abstellraum, kühl und dunkel |
| Haltbare Nahrung | ca. 8.000 kcal pro Person gesamt | Küchenschrank, Kellerregal |
| Medikamente | 30-Tage-Vorrat laufender Mittel | Dokumentenmappe, kühl |
| Bargeld | 200 bis 400 Euro in kleinen Scheinen | Dokumentenmappe oder Safe |
| Kommunikation | UKW-Radio, Powerbank 20.000 mAh | Leicht zugänglich, aufgeladen |
Kinder einbinden, nicht schonen
Viele Eltern zögern, Kinder in die Krisenplanung einzubeziehen, aus Sorge, Ängste zu erzeugen. Das Gegenteil ist sinnvoller. Kinder, die wissen, wo die Taschenlampe liegt, was bei einem Alarm zu tun ist und wer der Ansprechpartner im Notfall ist, reagieren ruhiger als Kinder, die ausgeschlossen wurden und im Ernstfall überfordert sind.
Praxisübungen müssen keine Paniksimulation sein. Einmal im Jahr ohne Strom kochen, den Treffpunkt gemeinsam abgehen, die Notfallmappe gemeinsam zusammenstellen: Das reicht, um ein Grundgefühl von Handlungsfähigkeit zu vermitteln. Kinder ab acht Jahren können einfache Aufgaben übernehmen, etwa das Auffüllen des Wasservorrats oder das Aufladen der Powerbank.
Krisenvorsorge ist kein Zeichen von Angst, sondern von Verantwortung. Wer für seine Familie plant, entlastet im Ernstfall auch die Einsatzkräfte, die sich dann um diejenigen kümmern können, die wirklich keine Ressourcen haben. Das ist der eigentliche gesellschaftliche Mehrwert dahinter.

